Motorradtour in den Seealpen vom 10.06.2011 - 17.06.2011

 

Freitag, 10.06.2011

 

Endlich war es soweit: nach mehrtägigen Reisevorbereitungen schon Monate vorher hinsichtlich eines Motorradneukaufs, Reiseroutenfestlegung, Toureneinigung und –planung von zwei selbstbewussten Alphatieren sowie die Abspeicherung im Navi der schließlich festgelegten Routen, Buchung einer Unterkunft für 1 Woche in einem Bikerhotel  unter der Leitung von Paula und Hans... war der ersehnte Tag X erreicht. Packen der Reisetaschen und Beladen des Anhängers mit einem Engel und Teufel: einer schwarzen 1200er GS und weißen 800er GS für eine Reise in die Französischen Alpen. 

Das Packen und Verladen der Koffer war relativ schnell erledigt, wovon wir bei  der Anhängerbeladung selbstverständlich auch ausgingen, nachdem wir in weiser Voraussicht dies bereits 1 Woche vorher ausprobiert hatten. Der Hintergedanke hierfür war, am Tag X nicht noch unnötige Zeit  verschwenden zu müssen, wie zwei Maschinen in dieser Größenordnung wohl am besten auf den Trailor passen. Das scheint nun lächerlich zu klingen, aber bedenke man die mehreren Möglichkeiten und Probleme, die sich hinter einer Beladung eines solchen verbergen können: 

1. 2 Maschinen nebeneinander in Fahrtrichtung, ergo beide Vorderreifen im sicheren Metallbügel

Problem: beide Lenker zu breit → Motorräder passen nicht nebeneinander.

Mögliche Lösung: beide Schienen werden leicht nach außen versetzt, das dadurch erneut auftretende, zu diesem Zeitpunkt nicht  bedachte Problem werde ich später näher erläutern!

2. 1 Maschine in Fahrtrichtung mit Vorderreifen im Bügel, 1 Maschine gegen Fahrtrichtung mit Hinterreifen im Bügel

Problem: Beladung nur durch Hinaufschieben des Motorrads möglich , was hinsichtlich eines schlappen Gewichts von ca. 220kg Schweißausbrüche hervorrufen dürfte, was natürlich überhaupt nicht in Frage kam!

3. siehe Punkt 2, allerdings mit einer Bügelversetzung an das Ende des Anhängers, 

damit die 2. Maschine ebenfalls mit dem Vorderreifen in der Metallschlaufe fixiert ist

Problem: Bei einer eventuell nötigen Vollbremsung aufgrund anderer unfähiger Autofahrer im deutschen Straßenverkehr fehlt die Bremsstabilisierung d.h. eine 800er würde sich plötzlich im optimalen Falle auf dem  Rücksitz unseres A4s befinden, im schlechtesten Falle uns im Nacken sitzen. Also wäre schon Helmpflicht im Auto angesagt!

Außerdem müsste das Motorrad zur Beladung über den Bügel gehoben werden, da unser Trailor aus hier nicht weiter aufgeführten Gründen nur von hinten beladen werden kann. Ergo: 2 Schweißtropfen mehr als bei  Möglichkeit 2 würden vergossen werden.

4. Beide Motorräder übereinander, jedoch über diese Art der Beladung müssen wir, denke ich, nicht weiter sprechen!

Bei der Probebeladung eine Woche vor dem D-Day entschieden wir uns aus Sicherheitsgründen und um einen Ausstoß unnötiger salziger Körperflüssigkeiten zu vermeiden für Numero 1. Also wurden die zwei Schienen etwas nach außen versetzt und beide Motorräder unter lautem Getöse im ersten Gang auf den Anhänger verfrachtet. Passt, sitzt, wackelt leicht, hat aber Luft zwischen beiden Lenkern. Sogar noch so viel Platz zwischen den Geräten, dass die Überlegung anstand, nicht einmal die Seitenkoffer der 1200er während der Fahrt abzumontieren. Das Festzurren der Maschinen mit den Spanngurten sparten wir uns bei der Probebeladung, was für ein Problem sollte sich denn jetzt auch noch ergeben... überflüssige Zeit-und Kraftverschwendung.

Tag X, Gepäck im Auto, ... da war ich eigentlich stehengeblieben ... voller Vorfreude machten wir uns ans Verladen der Motorräder wie eben bei der Probebeladung beschrieben. Der große Bock stand safe im Metallbügel und wir machten uns daran, ihn mit zwei Spanngurten zu verankern. Hätten wir dies doch nur schon eine Woche vorher versucht... dann hätten wir gleich gemerkt, dass die Maschine durch das Fixieren wie ein Schiff bei Sturmstärke 10 schräg in den Seilen hing! Durch das Verschieben der Schienen befanden sich nämlich nun die vier Einhänghaken des Trailors in einem Winkelungleichgewicht, so dass sich zwangsläufig eine Neigung der 1200er im 45Grad-Winkel ergeben musste. Hatten wir vor acht Tagen schlichtweg nicht bedacht! Da standen wir nun, sprachlos und stirnrunzelnd.

Lange Rede, kurzer Sinn: nach 2stündigem Herumdoktoren, sogar irgendwann mit Nachbarschaftshilfe und –überlegungen, einer Handverletzung, zweier Verbrennungen ersten Grades am linken Unterarm des Nachbarn durch falsche Abstandsberechnung vom gefährlich heißen  Akrapovic-Auspuff , zunehmenden Geduldsverlust und langsam aufkommenden Hunger entschied man sich „kurzerhand“ für Beladungsmöglichkeit Numero 2. Das Vergießen der Schweißtropfen durch das Hinaufschieben der 800er nahmen wir nun gerne in Kauf! Über die ursprünglich angedachte Zeiteinsparung durch das Probebeladen brauche ich mich nun hier nicht weiter auslassen.

Die Abenddämmerung brach herein. Müde und hungrig, aber doch glücklich darüber, nun endlich die zwei Schätze sicher auf unserem Anhänger zu sehen und wissen, belohnten wir uns mit einem Besuch beim heimatlichen Griechen, der sich über die leergeputzten Teller und daraus resultierende Rechnung sicher freute. Mit vollgeschlagenen Bäuchen und nach noch kurzem Check der guten französischen Wetteraussichten sanken wir erschöpft in unser Bett. Der Abreisetag konnte nun kommen....

Samstag, 11.06.2011

6.00 Uhr. Der Wecker klingelte uns unerbittlich aus dem Schlaf. Nach einem heißen Kaffee während des Anziehens und unserem üblichen morgendlichen Procedere stiegen wir noch leicht unfit um kurz vor 7.00 Uhr in unser vollgepacktes Auto.

Eingabe in das Navi: Ziel - Frankreich – Barcelonnette. Nach kurzer Zeit wurde uns angezeigt: Ankunft in 839 km, Ankunft um 14.35 Uhr. Ach...das geht ja flott, waren ja nur 6,5 Stunden ! Hätten ja gar nicht so früh aufstehen müssen! Nach nochmaliger Überprüfung der Spanngurte an unseren Bikes und kurzer Bedenken, dass heute am Pfingstsamstag vielleicht doch mehr Verkehr unterwegs sein könnte, machten wir uns auf den Weg zu Paula und Hans. 

Dass jener doch etwas mehr als knappe sieben Stunden dauern würde, hatten wir zwar vermutet aber sofort wieder verdrängt, vor allem nach der Auffahrt auf die Autobahn war dieser Gedanke vollkommen aus dem Kopf verschwunden, da eine vollkommen freie A7 Richtung Füssen vor uns lag. Auch auf der A96 bis Lindau schienen wir bis auf ein paar wenige Wegbegleiter die einzigen zu sein, die an einen Urlaub im Süden dachten. Das einzige, was leicht unsere hervorragende Stimmung ins Schwanken brachte war das Wetter: 12 Grad Celsius Außentemperatur, sich stetig steigernde Wassertropfendichte vom Himmel. Was waren wir froh, im trockenen A4 zu sitzen ... so bemitleideten wir aufrichtig die an uns vorbeiziehenden Motorradfahrer und zogen sicherlich bei diesem Sauwetter den ein oder anderen neidischen Blick dieser auf uns. Ach, was waren wir happy ... bis ... ja bis kurz nach dem Grenzübergang Götzis / Diepoldsau. Denn hier verdichteten sich nicht nur die Wassertropfen zu 100Prozent, so dass man das Gefühl hatte, dass permanent ein Eimer über einem ausgelehrt wurde, sondern auch der Verkehr! Aha, doch mehr Menschen auf die Urlaubsidee gekommen! Wir schleppten uns im Stop and Go voran. 

Die Ankunftszeit an der Navieanzeige wanderte langsam, aber  unermüdlich nach oben – inzwischen bei 16.44 Uhr – während im Gegenzug die Kilometeranzeige kaum merklich sank. Innere Unruhe machte sich breit, die dann nach  357 km mit der zweiten Pause von einer starken Nervosität abgelöst wurde: Beim Losfahren ertönte ein Signal nicht des Navis, sondern des Autos: „Fahrzeug-Beleuchtung Systemstörung“. Das konnte nur die elektronische Verbindung zwischen Zugmaschine und Anhänger betreffen. Tatsächlich ... nach kurzem Check stellten wir fest, dass unser rechter Blinker den anderen Verkehrsteilnehmern nicht mehr angezeigt wurde. Nach 45minütigen Herumhantierens, Überprüfens, Neuverbindens, Fluchens hatten wir es geschafft: Gar kein Anhänger-Lämplein leuchtete mehr auf! Ha, was waren wir für ein technisch hochbegabtes Team! Aber unser Nervositätsschub senkte sich bald wieder ... nach der Erkenntnis, wie unsinnig es doch gewesen wäre, samstags gegen 13 Uhr in Italien noch eine geöffnete Werkstatt zu finden, entschlossen wir uns cool, in diesem Fahrzeugzustand weiterzufahren. Irgendwann würden  sich schon die anderen Fahrzeughalter an unser defektes Anhängsel gewöhnen! Als sich der Regen etwas beruhigt hatte, starteten wir während einer Kurzpause einen neuen Versuch, wenigstens die Rücklichter zum Strahlen zu bringen ... erfolgreich. Ich sagte ja ... technisch hochversiert.

So begaben wir uns im Anschluss daran wieder  voller Elan auf die stark be“fahrene“ Autobahn, Ankunftszeit inzwischen auf 19.23Uhr angestiegen.

Nach inzwischen neun Stunden Reisezeit tat sich der erste Lichtblick auf: ab Mailand freie Fahrt und der Regen machte endlich der Sonne Platz. Dieser Motivationsschub sollte aber nur für 1,5 Stunden andauern ... nach Autobahnende bei Cuneo verschwor sich Petrus wieder gegen uns und ein grauer, wolkenverhangener Himmel drückte auf uns nieder, Gewässer von oben ließ auch nicht mehr lange auf sich warten.

Nach der stupiden Autobahnfahrt folgte die äußerst abwechslungsreiche Reiseroute auf der SS 21 entlang eines kleinen geschwungenen Flusses, der mit Sicherheit  noch seinem ursprünglichen Lauf folgen darf. Ab Vinadio kamen uns die ersten Sonnenstrahlen sowie Motorradfahrer in leichten Schräglagen aufgrund der kurvenreichen Straße entgegen. Wir näherten uns Stück für Stück der französischen Grenze, vorbei an Wildcampern in Zelten oder Wohnwägen bis hin zum Colle della Maddalena (Col de Larche) nach dem letzten italienischen Dorf Argentera. Unzählige Tornanti erwarten uns bis auf sage und schreibe 2003 Höhenmeter hinauf, vorbei an dem ersten Murmeltier - allerdings leider tot - bis hin zum heiß ersehnten Schild „France“. 

Was hinaufgetuckert werden musste, musste auch wieder hinabgedüst werden, allerdings nicht mehr mit ganz so vielen Spitzkehren, dafür mehr Schafen, lebendige wohlgemerkt. Unser Motorradherz lachte bereits in freudiger Vorahnung, was in den nächsten Tagen alles noch vor uns liegen würde: landschaftliche Idylle, kaum befahrene Straßen, Gassen und Wege, holperiger  kurvenreicher Straßenbelag, Tiere und Menschen unterschiedlichster Art. 

Die erste lernten wir bei unserer Ankunft in Saint-Pons-Barcelonnette nach unserer inzwischen 13stündigen Fahrt kennen: Paula. Als wir unsere Unterkunft Maison d’Hotes de L’Escale en Ubaye nicht fanden und uns jeglicher Sinn für eine sinnlose Suche mit unnötigen Wendemanövern mit einem Anhänger im Schlepptau fehlte, genügte ein kurzer Anruf und Holland-Paula holte uns kurzerhand ab. 

Noch ehe wir unsere Motorräder ab-, das Auto ent- und unser Zimmer mit unserem Gepäck beladen konnten, wurden wir strahlend zum Essen eingeladen. Auch wenn unser persönlicher zeitlicher Ablauf hier auf charmante Art und Weise durcheinandergebracht worden war...eine köstliche Hausmannskost entschädigte uns dafür, angerichtet an einer zehn Meter langen Tafel in einem umgebauten Stall, zusammen mit sechs weiteren Gästen. Eine höchstfamiliäre Atmosphäre. Unsere innere Unruhe jedoch verwandelte uns in Ruckzuckvertilger, wollten wir doch noch vor Einbruch der Dunkelheit mit der Unterbringung unserer Bikes in der Garage und mit dem Zimmerbezug fertig sein. 

Müde, aber von einer göttlichen Ruhe umgeben und noch nach ein paar Rommérunden legten wir uns zufrieden ins Bett.

 

Sonntag, 12.06.2011

Route 6: Barcelonnette – Col de Vars – Guillestres -  Col d’Izoard – Briancon –  

                  Mont Dauphin – Embrun – Lac de Serre Poncon – Chorges – La Bréole – 

                  Barcelonnette

 

Streckenlänge: ca. 250 km

Nach einem ausgiebigen Frühstück und kurzen Routenvergleich zwischen Karten und Navi schwangen wir uns um 9.30Uhr auf unsere startklaren Gummikühe in Saint-Pons-Barcelonnette. 

Wie gut, dass wir auch die Karten eingepackt hatten, denn schon nach ca. 2 km hielt mein Guide rechts an der Fahrbahn mit den Worten „Das Navi regt mich jetzt schon auf ... umdrehen!“ In einem Kreisverkehr in Barcelonnette hatte es uns die 1. Ausfahrt anstatt die 3. nehmen lassen. Nach kurzem erneuten Blick auf die Karte machten wir eine Kehrtwendung, nahmen besagte Ausfahrt im Kreisverkehr und fuhren aus Barcelonnette heraus Richtung Jausier. Welch ein Segen, dass ab hier schon uns immer wieder braune Schilder mit der Aufschrift „Routes des Grandes Alpes“ den Weg wiesen und wir somit sicher auf der richtigen Route waren.                                     

Bereits nach ca. 20 km hielten wir an der Abzweigung, die links zum Col de Vars führte, an, um festzustellen, dass wir bereits den ersten Orgasmus aufgrund des lockeren flüssigen Kurvenschwingens hinter uns hatten. 

Dass noch einige weitere folgen sollten war uns in jenem Augenblick noch nicht bewusst. 

Nach der Abzweigung auf die D902 waren wir dankbar, dass wir auf Enduros saßen, auch wenn der Sitz der 800er nicht gerade der bequemste ist, denn die Straße verfügte über derartige Löcher und Mulden ... aua ... Vorsicht war bereits hier geboten. Wir fragten uns hier, ob eigentlich Straßenmaschinen ohne ein gebrochenes (Feder-)Bein diese Strecke zum Col de Vars hinter sich lassen würden.

Langsam näherten wir uns dem zweiten Höhepunkt: Von flüssigen Kurven, die im 4. Gang gefahren werden konnten bis hin zu Spitzkehren, die gerade noch den 2. Gang zuließen, schlängelten wir uns den Col de Vars nach oben .....auf griffigem Teer, vorbei an vereinzelten Radfahrern, schwarzen Straßenhunden, die versuchten einem in Spitzkehren ins Bein zu zwicken, immer weniger werdenden Bäumen bis auf 2109 m. Danach ging es wieder zügig bergab zum Skiort Vars, der einer Retortenstadt glich und uns unserer Meinung nach weniger in diese landschaftlich traumhaft karge Berggegend passte. 

Im schnuckeligen Guillestre wurden wir von einem Fete de Pentecôte (Pfingstfest) empfangen, das uns allerdings weniger interessierte als eine dringend benötigte Tankstelle. Die große GS schluckte aufgrund des hohen Eigengewichts, des hohen Fahrergewichts und des hohen Gepäckgewichts doch erheblich mehr als die kleine leichte GS mit der leichten Fahrerin mit null Gepäck! 

Nach Befüllung des Tanks ging es los zum nächsten Highlight: Col d’Izoard. 

Was uns hier dann geboten wurde, lässt sich schwer beschreiben, man muss es selbst fahren und sehen! Abgesehen von den Kurven, der Länge dieses Passes, den vielen Bikern, den unzähligen unmotorisierten Zweirädern, Hasen, die über den Weg huschten, der nicht zu bemängelnde Straßenbelag war sensationell einfach die Landschaft: karge Felsen, durchbrochen von Geröllfeldern, dazwischen wenige grüne Teppichflicken und überhaupt keine Bäume. 

Ein kurzer Stopp  kurz vor dem höchsten Punkt (2361m) für ein paar Fotos war Pflicht und Gott sei Dank die richtige Entscheidung, denn am „Gipfel“ tummelten sich unzählige Sportler verschiedenster Art, was einem Volksmarsch ähnelte und kaum zum Anhalten einlud. Also schossen wir dort nur unser Pflichtfoto und kurvten wieder hinab bis nach Briancon. 

In dieser netten Stadt nahmen wir unser Mittagessen ein um uns anschließend auf den Rückweg zu machen, zuerst einmal auf der N24 nach Prelles. Dort angekommen musste man sich eine entscheidenden Frage stellen: Will man nach all diesen Pässen etwas schneller fahren und damit die N24 nehmen oder weiter bei durchschnittlich 70 km/h auf der etwas schmäleren und kurvenreicheren Nebenstraße D38 dahintängeln.

Da wir noch lange nicht an den Grenzen unserer Kräfte waren entschlossen wir uns für die zweite Variante  über Vigneaux  und Champcella bis nach Mont Dauphin. Diesen kleinen Abstecher sollte man auf jeden Fall wagen, denn dort erwartet einen nach einer kurzen spannenden Auffahrt neben Pferden, Kühen, Eseln und Ziegen eine riesengroße sehenswerte Zitadelle des Ludwig XIV. 

Mein Guide hatte nun die Nase voll von kleinen Strässchen und schwang sich voller Vorfreude auf seine GS für eine schnellere Fahrt auf der N24. So erreichten wir auch flott den Stausee Lac-de-Serre-Poncon. Kurz vor Savine entdeckten wir rechter Hand ein lebhaftes Treiben an See und Ufer. Kitesurfer und Surver bewiesen ihr Können bei einem nicht zu verachtenden Wind, was wir bei unserem 1,5 Stunden Aufenthalt nach einem Nickerchen beobachten konnten. 

Baden im See unterließen wir nach einer großen-Zehen-Probe, um Erfrierungen aus dem Weg zu gehen. Eine originelle Snackbar, nämlicher ein typischer Londoner roter Doppeldecker-Bus lud zu Café au lait ein, allerdings brauten sich über uns äußerst dunkle Gewitterwolken zusammen. So brachen wir auf, um schnellstmöglich in das noch 40km entfernte Heimatdorf zu kommen.

Um so überraschter war ich, als mein Reiseführer in Savine die linke Abfahrt nach Barcelonnette verpasste – dachte ich, rechts  die Brücke über den Lac-de-Serre-Poncon nahm und seine GS nach Chorges brachte. Diese flinke Umdisponierung der Reiseroute bescherte uns nach einer Linksabbiegung in Chorges nun immer wieder traumhafte Ausblicke auf diesen unglaublich türkisen See bis an sein Ende, an dem die riesige Staumauer sich aufbaute.

Ein ungewöhnlicher Staudamm, wurde er doch mit den vor Ort vorhandenen Landmassen aufgeschüttet.

Kurz vor Espinasses durften wir die linke Abfahrt nach Bréole nicht verpassen, wo wir erneut den See überquerten, um danach auf einer gut ausgebauten Straße die Kurven etwas schneller als erlaubt zu nehmen ... es machte einfach zu viel Spaß. Schließlich landeten wir auf der N900 und erreichten nach 250 km Paula und Hans.

Fazit: Eine unvergessliche Tour, die jedem Fahrer etwas bot und einem das Motorradherz aufgehen ließ.

Montag, den 13.06.2011

Route Gorges du Verdon: Barcelonnette – Col d’Allos – Allos – Colmars – St. André – 

                                                     Castellane – Lac-de- Sainte-Croix – Riez – Digne – Seyne – 

                                                     Lauzet – Barcelonnette

 

Streckenlänge: 290km

 

 

 

Die ersten Schweißtropfen des Tages vergossen wir bereits an der Frühstückstafel. Ein Mitbewohner des Maison d’Hotes l’Escale en Ubaye erzählte munter und lustig über seine Erfahrungen des beeindruckenden Col d’Allos vor unserer Haustür.

Dieser Pass stand bei uns heute eigentlich u.a. auch auf dem Programm. „Recht schmal...“ sei er, „...gerade mal ein Auto passt auf die Straße...“, „...Steine und Geröll muss man erst einmal beiseite schaffen...“ – ach herrje wo kriegen wir denn ne Schaufel auf unseren Bikes unter? – und „...1000m geht’s neben dir in den Abgrund...“, also „...immer schön langsam...“ und „...am besten fahrt ihr von der nördlichen Seite hoch, denn dann fahrt ihr nämlich an der Felswand entlang, gemach, gemach...“. Herzlichen Dank, Tom, ich war kurz vor einem Herzinfarkt und meinem Guide standen die Bedenken hinsichtlich seiner nicht zu verachtenden Höhenangst buchstäblich im Gesicht geschrieben!

Als wir uns dann doch um 9.15 Uhr zwar ohne Todessehnsucht, dafür aber fast mit Todesangst auf den Weg machten, durften wir jedoch bald nach der Abfahrt feststellen, dass all die Ankündigungen des Landmannes und die Befürchtungen unsererseits vollkommen umsonst gewesen waren. Eine zwar enge, aber dennoch gut befahrbare Passstraße führte ca. 20km lang bis auf 2250m hoch und wieder ungefähr die gleiche Strecke bis nach Allos hinab. Wie schlau, dass wir die Geröllschaufel uns doch nicht auf den Rücken gebunden hatten! Teilweise war sogar lockeres und zügiges Schwingen möglich.

Es schien also tatsächlich Leute zu geben, die mit noch mehr Respekt und Vorsicht ans Motorradfahren herangingen als wir. Sicher in Allos angekommen und über unsere vorherigen Sorgen schmunzelnd zogen wir Vergleiche mit dem Monte Baldo am Gardasee, der in unseren Augen vergleichsweise schmäler schien und weit öfter uns zu plötzlichen Adrenalinschüben verhalf, besonders dann, wenn Gegenverkehr nicht gerade langsam um eine nicht einsehbare, noch mit Schneeresten bedeckte Kurve gebraust kam.

Zurück nach Frankreich ... an dieser Stelle müssen auch endlich einmal ein paar Vorteile in diesem Land angesprochen werden: Erstens schienen Franzosen selten Straßen auszubessern, sondern gleich komplette Straßenabschnitte vollständig zu erneuern. Wir hatten also kaum mit Betumen unter unseren Rädern zu kämpfen. Zweitens machten französische Autofahrer uns Bikern sofort und unaufgefordert Platz, wenn der Motorradfahrer schneller unterwegs war als sie selbst. Sehr zuvorkommend, daran sollten sich alle Verkehrsteilnehmer in anderen europäischen Ländern ein Beispiel nehmen! Drittens herrschte in Frankreich anscheinend ein niedriges Verkehrsaufkommen auf den Pässen, vergleichsweise z.B.  mit dem Fernpass oder Reschenpass, wo man sich fast schon wie bei einer Blockabfertigung fühlte! Also meistens freie Fahrt in der Geschwindigkeit war angesagt, die man sich selbst vorgab und nicht wie sooft zum Beispiel in Deutschland, ein anderer einem durch beharrliches Linksfahren vorschrieb!

Nach Allos ging es kurvenreich und auf einem hervorragenden Straßenbelag weiter über Colmars, Saint André, den Col de la Blache, das putzige Castellane bis zum Beginn der Gorges du Verdon. 

Von hier aus nahmen wir die rechte Uferstraße entlang bis zum Lac-de-Saint-Croix. Ein Augenschmauß, denn zwischendurch konnten wir aus unterschiedlichen Höhen immer wieder den Verlauf des Flusses Verdon verfolgen, unter Felsen und durch Tunnel hindurchtuckernd

Fast geblendet von der türkisen Farbe des Stausees am Ende der Schlucht machten natürlich auch wir touristenlike für ein Foto halt.

Erstaunt war ich, dass nach Moustiers-Sainte-Marie von der Brücke am Eingang des Grand Canyon du Verdon gar keine Wagehälse mehr ins kühle Nass sprangen, wie es noch vor 15 Jahren ein paar Verrückten eingefallen war. Aber bald entdeckte mein Zugpferd auch schon ein Schild, das am Brückengeländer unübersehbar befestigt war: Ne pas plonger!

Am Ufer des Sees erholten wir uns dann für knappe zwei Stunden und ließen uns zur Abwechslung mal nicht von Ängsten, sondern von der Sonne die Schweißperlen auf die Stirn treiben.

Einen Muskelkater im Schulterbereich handelten wir uns schließlich auch noch ein, da mein Reiseleiter unbedingt die Verdonschlucht noch mit einem Kajak erkunden wollte...paddel paddel. 

Langsam machte sich die Sehnsucht nach einem Kaffee bemerkbar. So bestiegen wir wieder unsere Kühe und lotsten sie auf die D 952  über Moustiers-de-Sainte-Marie nach Riez. 

Nach unserem Koffeinschub ging es erfrischt weiter über die D900 nach Digne und weiter über den Col du Labouret und Col de Maure, die beide natürlich bei weitem nicht dem  Col d’Allos das Wasser reichen konnten, aber auf jeden Fall es wert waren, befahren zu werden. Im übrigen wollte ich auch schon lange erwähnen, dass es in Frankreich äußerst sinnvoll und geldsparend ist, sich einigermaßen an die vorgegebenen Geschwindigkeitsbegrenzungen zu halten. In fast jeder größeren Dorfein- oder –ausfahrt stehen ein oder zwei Gendarme bereit, einen auf 0 km/h herab zu bremsen.

Inzwischen in Seyne angekommen bogen wir dort rechts auf die D 205 ab, um die Route etwas abzukürzen und um einem bis dato noch nicht erlebten Phänomen zu begegnen: Innerhalb von knapp 2 km sank die Temperatur von 25,5 Grad Celsius auf 11,5 Grad Celsius ab, ohne allerdings dabei erheblich an Höhenmeter zu gewinnen! Schon mal bei 11 Grad mit fingerlosen Handschuhen gefahren? Brrrrr ... und dann noch plötzlich diese Feuchte von oben ... man unterlag der Versuchung, einmal kurzzeitig so richtig in den Helm zu fluchen. Der Schüttler war Gott sei Dank nur von kurzer Dauer und beim Col de  Saint Jean angekommen befanden wir uns wieder auf der breit ausgebauten D 900 Richtung Heimat, die wir ja schon gestern bei höherer Geschwindigkeit auskosten durften. Erschöpft aber schon wieder hochzufrieden kamen wir in Barcelonnette an.

Fazit: „Ich fahre in Deutschland keinen Kilometer mehr!“, versprach mein Zugpferd kurz vor Ende dieser Tagestour.

 

Dienstag, 14.06.2011

 

Tour Nizza: Barcelonnette – Cime de la Bonnette – Isola – Saint-Sauveur-sur Tinée

                         - Nizza – Grasse – Castellane – Colmars – Col d’Allos – Barcelonnette

 

Streckenlänge: 345km

 

 

Nachdem wir etwas schwer aus den Federn kamen, startete unsere heutige Tour ans Mittelmeer, um eine etwas längere Badeeinheit in salzigen Gewässern zu genießen, erst gegen 10 Uhr .

Doch zuerst musste der Col de Restefond nach der rechten Abzweigung in Jausiers überwunden werden, um uns anschließend an die Route de la Bonette la plus haute d’Europe mit 2802 m zu wagen.

 

                                       

 

Ab hier war mein Guide nicht mehr zurückzuhalten. Nachdem letztes Jahr diese Strecke eine Etappe der Tour de France war, befand sich der Straßenbelag in einem denkbar hervorragenden Zustand, so dass der Führer der großen Gummikuh fast das letzte aus seinem Fahrzeug und sich herauspresste und den Pass mit unbändiger Freude hinaufdüste. Phasenweise konnte ich ihn zwischen Bäumen hindurch noch ausmachen, irgendwann hörte ich nur noch seinen Auspuff um dann irgendwann nicht einmal mehr diesen in irgendeiner Form wahrnehmen zu können. Und man bedenke wir sprechen hier von einen Akrapovic! Ich dagegen ließ es langsamer angehen, hatte ich doch – im Nachhinein unberechtigterweise – einen Heidenrespekt vor eventuell aufgrund der Höhenmeter auftretenden Schneefeldern nach diversen uneinsehbaren Kurven. Ich hätte also ruhig etwas mehr Stoff geben können, aber Vorsicht war die Mutter der Porzellankiste, außerdem fiel ja mein Zugpferdeffekt weg.

 

       

 

Der letzte Höhenabschnitt von ca. 60 m des Cime de la Bonette, der um einen Kegel herumführte, wurde uns und anderen Bikern leider verwehrt, so dass wir „nur“ in die Höhenlage von knappen 2750m kamen.

 

       

 

Die Straße, die um den Gipfel führte, war noch nicht von Schnee befreit worden, so dass man ihn  nur zu Fuß noch hätte erklimmen können. Das war uns dann aber doch zu anstrengend, nicht umsonst sind wir motorisierte Alpenpassüberquerer, mit entsprechenden PS unterm Hintern bewaffnet statt mit zwei Walkingstöcken in unseren Händen.

 

                                               

 

Nach einer kurzen Pause, um den Moment zu genießen und die dünnere Luft einzuatmen in dem Bewusstsein, soeben den höchsten europäischen Alpenpass hinaufgedonnert bzw. –tuckert zu sein, ging es zügig weiter hinab nach Isola.

       

 

Der ursprüngliche Plan lautete eigentlich hier links nach Isola 2000, einer Retortenstadt, abzubiegen, um einen weiteren Pass, den Col de Lombarde, zu nehmen. Allerdings war dieser zu unserem Leid noch nicht von der Wintersperre befreit und so landeten wir schließlich über relativ unspektakulären Straßen und Gegenden an der Cote d’Azur.

 

  

 

Nachdem just an diesem Tag in Nizza ein Film gedreht wurde, konnte ich meinem Guide nicht die berühmte Promenade Anglaise zeigen. So suchten wir gleich bei schlappen 30 Grad nach einem öffentlichen Strand, um uns auszuruhen. Dank des Filmdrehs und des damit verbundenen Verkehrschaoses und zig Umwegen brachte mich irgendwann ein Filmmitarbeiter dermaßen in Rage, dass ich ihn nonladylike in meinem gebrochenen Französisch so beschimpfte, dass ein Gendarme dazustieß. Aber was fiel dem Typen auch ein, alle anderen Verkehrsteilnehmer vor uns die Uferstraße fahren zu lassen und genau vor uns den Weg dicht zu machen! Uns lief schließlich das Wasser in den Motorradklamotten schon in Bächen hinunter. Aber mein Guide bewahrte Ruhe, nahm den anderen Weg und lotste mich sicher und ohne eine Verwarnung am Hals habend an den nächstmöglichen Strand. Das Meer und der Himmel machten ihren Namen alle Ehre und zeigten uns in ihren schönsten Farben. So kamen wir nicht umhin, einen etwas länger als geplanten Zwischenstopp einzulegen. Erholung pur, da auch der Touristenstrom noch nicht eingesetzt hatte. Neben uns nur vereinzelte Sonnenanbeter und Wasserplanscher.

 

                                                

 

Anschließend mussten wir uns wieder durch das Verkehrschaos nicoise quälen, um ein kurzes Stück Autobahn nach Grasse, der Parfümstadt, zu nehmen. Wir mussten ja wieder etwas Zeit aufholen. In Grasse allerdings war es dann schließlich mein Reiseführer, der kurz vor einem Nervenzusammenbruch stand. Denn hier herrschte ein dermaßen hohes Verkehrsaufkommen, ohne Filmdreh, dass uns erneut das Wasser herunterrann. Aber uns blieb kein anderer Weg als durch die Innenstadt, um auf die D 85 nach Castellane zu kommen. Diese route nationale entlohnte uns dann wieder mit ihren wunderbaren Kurven.

In Castellane angekommen und nach kurzer Ratlosigkeit vor einem Parkautomaten, der nicht Englisch mit uns sprechen wollte, nahmen wir unser Abendessen ein. Gegen 19 Uhr starteten wir dann unsere Route zurück über Saint André-les Alpes und Colmars, um schließlich den Col d’Allos diesmal über sie südliche Seite zu überqueren. Schon einmal einen Pass in kompletter Einsamkeit genommen? Kein einziger Radfahrer, noch ein Motorrad oder Auto kamen uns auf diesem Pass entgegen oder überholte uns. Hatte was! So kamen wir gegen 21 Uhr bei langsam hereinbrechender Dunkelheit im Maison d’hotes l’Escale en Ubaye an.

 

Fazit: Auf jeden Fall auf den Bonette, aber nie wieder in den Süden aufgrund des Wahnsinnsverkehrs!

 

                                          

 

 

Mittwoch, 15.06.2011

 

Murmeltiertour: Barcelonnette – Col de la Cayolle – Guillaumes – Gorges de Daluis 

                                   - Guillaumes – Péone – Valberg – Gorges Supérieures du Cians – 

                                   Puget-Théniers – Entrevaux – Bergons – Col de la Blache – 

                                   Castellane - Lac-de-Sainte-Croix – Moustiers-Sainte-Marie – Digne 

                                   - Seyne - Saint Jean – Le Lauzet-Ubaye – Barcelonnette

 

Streckenlänge: 370 km

 

 

 

Beim Aufbruch zu dieser Tour um 9.45Uhr waren uns mehrere Dinge noch nicht bewusst. Zum einen wurden, was die Landschaft angeht, diese Strecken mit Sicherheit die beeindruckendste Tour. Zum anderen dachten wir bei der Planung dieser Hammerstrecke wenig an unsere Knie und Allerwertesten.

 

                                               

 

Nachdem auch der Col de la Cayolle direkt vor unserer Haustür lag, gewannen wir zügig an Höhenmeter und schon nach ein paar Kilometern machte mein Zugpferd halt, um vor lauter Begeisterung die ersten Fotos zu schießen und unseren Hintern die erste Pause zu gönnen, denn die Straße war eine Zumutung für diese. Selten bisher so durchgeschüttelt worden. 

 

     

 

Allerdings über die gesamte Strecke hinweg bis zum Gipfel  machten die Umgebung und die Ausblicke, die unserem Auge geboten wurden, alles wieder locker wett. Ein Naturerlebnis! 

         

 

Ein vor dem Frankreichurlaub gründlich studierter Reiseführer übertrieb übrigens nicht, als er riet, mit Vorsicht diesen Pass zu erklimmen, da man ständig Gefahr lief, ein Murmeltier vor die Räder zu bekommen. Eines dieser putzigen Tierchen wäre beinahe tatsächlich unter dem Vorderreifen meines Guides geraten, wäre dieser nicht so umsichtig gefahren. Es lohnte sich wirklich, langsam im 2. Gang dahinzufahren, um den Anblick dieser Wesen, die am Col de la Cayolle in Hülle und Fülle zu beobachten sind, zu genießen.

 

      

 

Straßentechnisch ging es nach dem Gipfel erheblich popofreundlicher weiter bis nach Guillaumes, wo einige Biker in Straßencafés sich eine Pause gönnten. Wir nicht! Wir begaben uns gleich zu einem Abstecher in die Gorges de Daluis. 

 

         

 

Ein absolutes Muss, denn hier erwarteten uns 17 Tunnel durch zinnoberrote Felswände, die links und rechts den Fluss Vars säumten. 

         

 

In dem Örtchen Daluis machten wir dann eine 180 Grad Wendung und fuhren die gleiche Straße bis nach Guillaumes zurück, nicht, um uns zu den pausierenden Motorradfahrern zu gesellen, nein, um die 2. Abfahrt rechts nach Valberg über das Dorf Péone zu nehmen. Wer es einfach liebt, nimmt die 1. Abfahrt nach Valberg. Demjenigen entgeht dann aber von Péone aus ein Pässchen mit 14 Spitzkehren nach Valberg.

Weiter auf dieser Straße bogen wir dann nach Les Launes zu der nächsten Schlucht mit zinnoberroten Felsen ab, den Gorges Supérieurs du Cians, die ich persönlich nicht ganz so spannend fand wie die Daluisschlucht. 

 

         

 

Am Ende landeten wir auf der großen D 202 über Puget-Théniers, Entrevaux nach Vergons. Langsam aber sicher meldeten sich der Magen und der Popo stieß schon vorsichtige Schreie aus: Pause, Pause. Aber mein Guide gönnte mir diese dann erst in Castellane, nachdem wir in Vergons die D 202 verlassen, noch den Col de la Blache hinter uns gelassen hatten und mein Gejammer anscheinend unerträglich geworden war. Aber man bedenke, bis zum Kaffee in Castellane waren wir bis auf ein paar Fotopausen, über sage und schreibe fünf Stunden auf unseren Böcken gesessen, und das nicht irgendwie auf Autobahnen oder geraden Landstraßen, sondern rauf, runter, Spitzkehren, scharfen Kurven linksherum und rechtsherum auf teilweise holprigen Wegen. Ich denke, mein Lamentieren war gerechtfertigt, verfüge ich doch nicht ganz über die perfekte Fahrkunst meines Reisebegleiters oder über dessen Kondition.

                                         

 

Nach unserer Kurzpause im schnuckeligen Castellane, machten wir uns wie schon am Vortag am rechten Ufer entlang der Verdon auf zum Lac de Sainte Croix. Nach ca. einer Stunde kamen wir am See an. Ich brauche nicht erwähnen, dass ich dort fast von meiner 800er gefallen wäre, v.a. deren Sitzbank ist ja bekanntlich nicht gerade mit einem bequemen Sessel zu vergleichen. Und man staune ... auch mein Guide klagte doch glatt  in einem Nebensatz, dass ihm etwas seine Knie weh tun würden. Kein Wort von k.o., Müdigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Popoweh oder ähnlichen Symptomen, die bei mir in höchsten Amplitudenausschlägen auftraten. Aufgrund meiner nun vorhandenen körperlichen Unzulänglichkeiten legten wir uns für knappe zwei Stunden ans Ufer und gönnten uns neben einer Brotzeit auch ein Nickerchen unter der herunterprasselnden Sonne.

Scheinbar erholt quälte ich mich nach einem genervten Kartencheck wieder auf mein Motorrad, was blieb mir anderes übrig, denn wir mussten ja schließlich noch die restlichen guten 130 km über Digne, Seyne und Le Lauzet nach Barcelonnette zurücklegen. 

 

                                        

 

Ehrlich gesagt fehlte mir fast die Lust dazu, wohingegen mein Zugpferd sich locker flockig und gut gelaunt auf seine 1200er schwang. Es gibt Momente, da möchte man sich auf das Niveau von Primaten herablassen und bei Überschreiten der niedrigen Frustrationstoleranz einfach eine Faust ausfahren. Nicht einmal mein gerngefahrener Col du Labouret konnte meine Stimmung heben. Nach 370 km - ich am Ende meiner Kräfte und mein Guide erneut über seine Knie klagend  - kamen wir endlich safe and sound bei Paula und Hans an.

 

Fazit: Eine phänomenale Tour, die wir zu unserer schönsten der Woche deklarieren, bei der wir allerdings mehr Pausen hätten machen sollen.

 

 

Donnerstag, 16.06.2011

 

Tour 6 erneut: Barcelonnette – Col de Vars – Gulliestre – Col d’Izoard – Briancon –

                               Embrun – Lac de Serre Poncon – le Sauze – Barcelonnette – Col de la

                               Cayolle – Barcelonnette

 

Streckenlange: ca. 260km

 

 

 

Ja, richtig gelesen: Heute starteten wir erneut die gleiche Tour wie schon an unserem ersten Tag. Zum einen wollten wir uns am Fuße des Col de Vars noch einmal so richtig von der Unebenheit der Straße durchschütteln lassen, zum anderen zum zweiten Mal den Col d’Izoard hinaufbrettern, diesmal nur in der Hoffnung, weniger häufig von Fahrradfahrern behindert zu werden, da ja kein Feiertag war.

Nachdem wir den ersten Pass erklommen hatten und wieder in Guillestre unsere zuverlässigen Maschinen aufgetankt hatten, machten wir uns nichtsahnend auf den Weg zum nächsten.

Kurz nach der netten Stadt lotste uns allerdings ein Schild woanders hin: Déviation – Umleitung. Als brave deutsche Bürger folgten wir diesem natürlich diskussions- und bedenkenlos. Schon nach kurzer Zeit merkten wir aber, dass diese Straße einen Serpentinenverlauf nach oben nahm und zudem die Breite des Weges immer mehr abnahm. Spannend, vor allem weil sehr wohl Gegenverkehr in Form von Autos, Motorrädern und unmotorisierten Bikern herrschte. Ich stellte fest, dass mein Guide zunehmend sein Tempo herunterschraubte und irgendwann nicht einmal mehr Radler, die in die gleiche Richtung wie wir fuhren, überholte, sondern anständig hinter ihnen blieb. Wenn ich sein Gesicht unter dem Helm gesehen hätte, hätte ich wetten können, dass sich auf seiner Stirn die ersten Schweißtropfen abgezeichnet hatten. Zu recht, denn auf dem inzwischen wieder abfallenden Strässchen tauchte vor uns plötzlich eine 90 Grad Kurve auf, die wir im Nachhinein als die gefährlichste aller bisher in Frankreich gefahrenen bezeichneten. Wie gesagt: 90 Grad, uneinsehbar, äußerst schmal, eng und holprig, „zumachend“, Gegenverkehr, ohne jegliche seitliche Begrenzung. Als ob mein Reiseleiter diese höchste Gefahrenstelle im Voraus gerochen hätte, nahm er diese Kurve im 1. Gang, und blieb danach für einen kurzen Moment kopfschüttelnd stehen. Mein Wunsch nach einem Foto dieser Kurve wurde mit einem „Du spinnst wohl, schauen wir, dass wir hier heil runterkommen!“ abserviert. Unten angekommen führte er uns erst einmal auf einen Parkplatz und ich konnte sein Tiefes Durchatmen durch die Motorradkluft hindurch beobachten. Für Menschen mit Höhenangst war dieser Umleitungsweg definitiv eine Herausforderung.

Nach der kurzen Verschnaufspause ging es über den wunderbar leeren Col d’Izoard weiter bis nach Briancon.

 

       

 

Bei unserem ersten Besuch am vergangenen Sonntag war uns entgangen, dass diese Stadt auf einer Anhöhe eine entzückende Altstadt, von einer hohen Mauer umgeben, besaß.

 

       

 

Dies ließen wir uns diesmal natürlich nicht nehmen und genossen dort in einem Salon de thè einen Café au lait.

Im Gegenzug zur Sonntagstour entschlossen wir uns danach, gleich die breite N24 über Embrun bis zum Lac de Serre Poncon zu befahren. Nachdem wir nicht mehr an die gleiche Badestelle wie letztes Mal wollten, brausten wir weiter bis kurz nach le Sauze an einen weiteren öffentlichen Strand. Allerdings spielte uns das Wetter hier dann einen Streich, dunkle Wolken zogen nach einer halben Stunde auf, so dass wir sicherheitshalber uns schnell auf den noch ca. 40 Kilometer langen Heimweg machten, um trockenen Fußes bei Paula und Hans anzukommen. Gesagt, getan.

Den kiesigen Hof des Maison d’hotes l’Escale en Ubaye um kurz nach 16 Uhr erreicht, stellten wir unsere Böcke ab und schauten uns fragend an: „Wars das schon für heute?“ Ein kurzer Kontrollblick gen Himmel bestärkte uns und wir beschlossen, schnell noch einmal Murmeltiere auf dem Col de Cayolle zu beobachten. So bestiegen wir wieder unsere GS und brausten wie schon am Mittwoch den Pass hoch, allerdings nur knapp bis über die Hälfte. An einer geeigneten Stelle parkten wir unsere Motorräder, setzten uns mit einem Fotoapparat bewaffnet auf einen Stein mitten im Naturschutzgebiet und genossen die Ruhe fernab jeglicher Zivilisation. Die Murmeltiere ließen nicht lange auf sich warten, sondern trieben mit uns ihr lustiges Versteckspiel.

       

 

Zufrieden mit unseren geschossenen Fotos machten wir uns nach einer knappen Stunde auf den nun endgültigen Heimweg zu unserer geliebten Unterkunft in Saint-Pons-Barcelonnette.

 

Fazit: Die Pässe sind einer zweiten Befahrung absolut würdig und Murmeltiere sind das beste Fernsehen!

 

                                               

 

 

Freitag, 17.06.2011

 

Tour Cime de la Bonette: Barcelonette – Cime de la Bonette – Barcelonnette

 

Streckenlänge: 67 km

 

 

 

Unser letzter Tag bei Paula und Hans brach an und so überlegten wir beim Frühstückscroissant, was wir denn außer der Motorradverladung, die wir nun ja nicht mehr erproben mussten, denn sonst noch machen könnten. All unsere im Vorfeld geplanten Touren und Strecken hatten wir zum Teil mehrfach hinter uns. Dennoch ein Tag so ganz ohne auf den Gummikühen gesessen zu haben, schien uns  in dieser wunderbaren Gegend vergeudet!

Nachdem wir uns gegenseitig befragt hatten, in welcher Reihenfolge und aus welchen Gründen uns denn nun die in den vergangenen Tagen befahrenen Pässe am besten gefallen hatten – den besten zuerst nennend – waren sich die zwei Alphatierchen sogar sofort einig: der Cime de la Bonette. 

 

                                               

 

Da lag es doch nahe, diesen noch einmal zu besiegen. Außerdem meinte mein Guide, dass es mir guttun würde, diesen aufgrund meiner Übervorsichtigkeit beim ersten Male noch einmal in Angriff zu nehmen. Er bliebe auch bei mir und behielte mich im Auge. „Versprochen!“, versicherte er.

Dieses Versprechen kam mir bereits nach ein paar Kilometern fast wie eine (Be-) Drohung vor ... ja ... mein Zugpferd blieb schön brav bei mir, es meinte es wirklich gut mit mir, aber in einer Geschwindigkeit, die noch langsamer als meine erste Fahrt war! Schon einmal einen Pass ohne jegliche Schräglage genommen? Eieiei, mir blieb nichts anderes übrig, als es anzuhupen und mit einer entsprechenden Husch-Husch-Handbewegung deutlich zu machen bei aller Liebe doch etwas bitte Gas zu geben!

Da mein Guide zur lernfähigen Spezies gehörte, schaffte er es, in der für mich optimalen Geschwindigkeit vorauszufahren und mir gelang es, die Kurven dieses Mal - ohne Sorge vor Schnee - weitaus besser zu nehmen. 

 

         

 

Oben angekommen stellten wir fest, dass die Straße um den Kegel, der ja die letzten Höhenmeter ausmachte, noch immer schneebedeckt war, sich allerdings am Wegesrand mehrere Räumfahrzeuge scharten. Aha, in ein paar Tagen wäre wohl die endgültige Höhe von 2802m erreichbar. Schade, dass wir das nicht mehr erlebt hatten. 

 

         

 

Dafür bot uns der Gipfel ein anderes Schauspiel: Der Kegel war mit good will vielleicht noch 100m Wegstrecke befahrbar. Dann versperrte ein künstlich aufgehäufter Schneeberg die Weiterfahrt. Sicherlich aus Sicherheitsgründen zu recht. Nichts desto trotz, konnten wir beobachten, wie ein Moto-Cross-Fahrer immer wieder versuchte, diesen Schneehaufen mit einer Schneise zu versehen, um schließlich die restlichen Höhenmeter mit seiner Maschine auch noch hinter sich zu bringen. Nicht zu fassen – einmal aus fahrkunsttechnischen, aber auch aus jugendlichem Leichtsinnsgründen- er schaffte es. Sein Companion zog gleich nach und so machten sich die beiden auf zur Umfahrung des Gipfels. Mein Guide und ich standen fassungslos und betend da, dass die zwei Verrückten heil herumkamen. Wir rechneten, dass es vielleicht fünf Minuten ohne Pause dauern würde, bis sie wieder auf der anderen Seite auftauchen würden. Wir warteten ... und warteten ... und warteten, ca. eine Viertelstunde lang. Nichts zu sehen oder hören. Wir machten uns dann wieder auf den Rückweg, weil es auf 2770m Höhe doch recht kühl war. Allerdings hoffen wir auch heute noch, dass die zwei Jungs sich in allerbester Gesundheit und wohlauf befinden.

Zurück bei Paula und Hans machten wir zwei technisch Hochbegabten  uns sogleich an die Verladung unserer Maschinen, was uns ohne besondere Zwischenfälle – bis auf ein Kippen des Anhängers bei der Hinaufbeförderung der 1200er, weil man vergessen hatte, das Auto vor den Trailor zu spannen!!! – gelang.

         

 

Fazit: Der Cime de la Bonette blieb unser Favorit und das Verladen der Bikes...naja...es gibt sicher noch genügend Gelegenheiten, das zu üben!

 

 

 

Samstag, 18.6.2011

 

Nach unserem letzten Frühstück bei Paula und Hans verabschiedeten wir uns bei Regen schweren Herzen von diesen und traten unsere Heimreise an.

Bis kurz nach Cunéo begleitete der Regen uns auf dieser ewigen Dahinzockelei. Froh, endlich auf der Autobahn zu sein und damit in einer höheren Geschwindigkeit fahren zu können, machte der Himmel auf und Sonnenstrahlen erwärmten das Autoinnere. Doch dieser Segen war nur von kurzer Dauer: Ab Mailand bis kurz nach Memmingen schüttete es in Kübeln, und umso mehr hatten wir überhaupt keine Lust auf zu Hause. Dieses Mistwetter hinderte allerdings trotzdem einige Motorradfahrer nicht, auf ihrem Bock zu sitzen und ihre Wegstrecken hinter sich zu lassen. Ziemlich gefährlich und kriminell, fanden wir.

Im Gegensatz zur Anreise nach Frankreich benötigten wir für unsere Heimreise nur neun Stunden, da wir vom erwarteten Rückreiseverkehr verschont worden waren. Zwar froh, gesund, heile Maschinen habend in den Hof einzubiegen, waren wir dennoch nicht besonders glücklich. Die vergangene erlebnisreiche Woche war einfach zu schön gewesen!

 

                                        

 

Fazit: Zwar das erste Mal französische Alpenpässe gefahren, aber definitiv nicht das letzte Mal! Wahrscheinlich bekommen Paula und Hans bald schon wieder Besuch von uns!

 

                                         

 

 

 

 

                                      

 

 

 

 

 

 

                               

 


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